Rabid Elephant and the subtle art of improving musical workflow

Die Anfänge

2018 hängte der Gründer von Rabid Elephant, Philip Mease (Phil), seinen Job als Ingenieur an den Nagel, um sich ausschliesslich auf die Entwicklung elektronischer Musikinstrumente zu konzentrieren. Zu diesem Zeitpunkt waren unter diesem Brand bereits einige Projekte entstanden (insbesondere Knobs), es wurden jedoch nur geringe Stückzahlen produziert und nur wenige Musiker*innen wussten von seiner Existenz. Phil hatte jedoch endlich mehr Zeit und so kam ihm die Idee für das inzwischen berühmte Eurorack Modular Natural Gate fast von allein. Mit der Unterstützung seiner engsten Vertrauten (vor allem seines wichtigsten Kollegen und guten Freundes Yoni) gelang es ihm, genügend Stückzahlen zu produzieren, um Beachtung zu finden. Nach dem Release wurde Natural Gate rasch zu einem Verkaufsschlager. Innerhalb eines Jahres gingen beim Unternehmen hunderte von Bestellungen ein und es nutzte den Erfolg dieses Moduls, um weitere, noch ehrgeizigere Projekte zu starten und sein Team zu vergrössern. Die tägliche Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Musikmachen, der Entwicklung von Prototypen und deren Integration in den musikalischen Prozess führten zu einigen interessanten Ideen, wie die Produktion elektronischer Musik optimiert werden könnte.

Philosophie des Designs

Wer mit den Instrumenten des Brands bereits vertraut ist, weiss, dass sich diese durch eine besonders einfache Handhabung auszeichnen und trotzdem eine enorme Vielseitigkeit aufweisen. Das ist kein Zufall: Beim Design fokussiert sich Rabid Elephant darauf, einen Weg aus einem Dilemma zu finden, das in der Produktion elektronischer Musik weit verbreitet ist und ihr wahrscheinlich selber kennt. Bei vielen Künstler*innen lässt sich der musikalische Schaffensprozess auf zwei grosse Phasen herunterbrechen, die als Spassphase und als Arbeitsphase bezeichnet werden können. In der ersten Phase entstehen Ideenskizzen, Klänge nehmen Konturen an und es ist kurzweilig, diese Ideen in die Realität umzusetzen, ohne zu sehr auf Details achten zu müssen – das ist die Spassphase. Aber schon bald muss man sich mit den Feinheiten eines Schlagzeug-Samples, der Form einer Hüllkurve, der Reaktion eines Halls auseinandersetzen – das ist die Arbeitsphase. In dieser Phase wird aus der Idee ein richtiger Track, das erfordert Präzision und Konzentration. Viele Musiker*innen werden es bestätigen: Es ist manchmal einfacher, zur nächsten neuen Idee überzugehen und wieder Spass zu haben, was jedoch bedeutet, dass ein Projekt nach dem anderen unvollendet, unveröffentlicht bleibt…

Rabid Elephant will diese beiden Phasen anhand des Designs seiner Instrumente verbinden: Die Spassphase soll präzise sein und die Arbeitsphase soll Spass machen. Die Entstehung eines neuen musikalischen Ausdrucks (das Aha-Erlebnis) macht bei einem Projekt in der Regel am allermeisten Spass. Etwas muss also dafür sorgen, dass diese neu gewonnene Energie die Musikerin oder den Musiker auch durch die anschliessende Arbeitsphase trägt. Für Phil und Yoni ist dies die Schlüsselrolle des Instruments: Es soll der Musikerin oder dem Musiker die anstrengendere Phase des Musikmachens erleichtern.

Entwickelt man Musikinstrumente unter diesen Gesichtspunkten, so wird Energie freigesetzt, die später für die reine Kreativität genutzt werden kann. Diese Geisteshaltung hat in der Welt von Rabid Elephant übrigens einen Namen - "liteness", ein Zustand unbeschwerter Offenheit, der einen freien künstlerischen Ausdruck ermöglicht. Da das Kernteam von Rabid Elephant aus einem Ingenieur und einem Musiker besteht, die in ständigem Austausch stehen, sind die technischen und intuitiven Aspekte des Instrumentendesigns eng ineinander verschachtelt. 

Aktuelle Projekte: Portal Drum und Life Voice

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels (Ende 2021) steht Rabid Elephant kurz vor dem Release des neusten Projekts Portal Drum. Dieser analoge Drum Sound Generator ist das bisher ehrgeizigste Projekt, bei dem Elemente des herkömmlichen Percussion-Designs mit völlig neuen Ideen verbunden werden. Er verfügt über nicht weniger als 18 Regler, von denen fünf dual-konzentrisch angelegt sind (zwei unabhängige Regler an einem Ort). Dies klingt nach einem komplexen und nur schwer zu handhabendem Instrument. Dank der bereits erwähnten Sorgfalt und Überlegungen gelang es jedoch, dieses Modul intuitiv und unterhaltsam zu gestalten. Das Ziel von Portal Drum ist es, rasch grossartige Drum-Sounds zu erzeugen – Sounds, die nicht viel Arbeit erfordern und sich gut in einen Mix einfügen.

portal drum up close

Portal Drum ist bereit für die Superbooth Show

Ein weiteres Projekt, das schon bald auf den Markt kommen wird, ist Life Voice, ein Oszillator mit absichtlich eingebauten leichten "Fehlerquellen". Die meisten akustischen Instrumente besitzen ein gewisses Mass an Unvollkommenheit als Teil ihres Klangs, was oft dazu führt, dass sie für das menschliche Ohr "gut" klingen. Die Oszillatoren in Synthesizern zielen auf Regelmässigkeit und Perfektion ab: Tonhöhe, Wellenform und Amplitude sind konstant. Der Life Voice verfügt über "Fehlersignale", die an mehrere Schaltkreise des Moduls gesendet werden, um Jitter, Stimmstabilität, Wellenform usw. zu regulieren. Diese Fehlersignale basieren auf dem "tatsächlichen Leben", Beispiele dafür sind die Tonhöhenvariationen der Trompete von Miles Davis oder die nachlassende Präzision einer menschlichen Stimme, die zu ermüden beginnt. Diese Unvollkommenheiten sind nicht alle mit dem musikalischen Tempo synchronisiert, weshalb es sinnvoll ist, sie direkt in die Klangquelle einzubauen.

Ideen für die Zukunft: die Groovebox

Das Problem von modularen Synthesizern liegt in deren Kostspieligkeit und Komplexität. Obwohl sie ein sehr breites Klangspektrum bieten, lassen sich viele davon abschrecken, weil sie nicht sehr zugänglich sind. Es mag zwar noch einige Jahre bis zum Release des ultimativen Projekts von Rabid Elephant dauern, die Grundideen dazu schwirren jedoch bereits in den Köpfen der Erfinder herum. Die ganze Diskussion über den musikalischen Workflow lässt sich zwar auf die eigenständigen Eurorack-Module übertragen, am optimalsten wäre jedoch, sie in einem Gesamtpaket zusammenzufassen. Wenn die Instrumente von Rabid Elephant in einem einzigen Gerät vereint und mit einem bahnbrechenden Sequenzer-Konzept kombiniert würden, wäre jede Musikerin und jeder Musiker in der Lage, einfach loszujammen. Getreu dieser Workflow-Philosophie kombiniert der Groovebox-Sequenzer verschiedene Ideen für Sequenzen intuitiv und ermöglicht es der Musikerin oder dem Musiker, den energiegeladenen "Moment der Entstehung" der Komposition zu verlängern. Es ist noch zu früh, um etwas über die endgültige Form des Instruments sagen zu können, uns wurde ein sehr früher Entwurf gezeigt, wie das Interface einmal aussehen könnte. Den Rest überlassen wir eurer Fantasie…

groovebox prototype

Eine früher Entwurf der Groovebox von Rabid Elephant…